
Wissenschaftler: Schweinegrippen-Virus wird überschätzt
Grippeviren sind eine “systematisch überschätzte Gefahr”. Das sagt der britische Forscher Tom Jefferson. Seine Auswertungen einer ganzen Reihe von Grippestudien haben ihn zu der Ansicht gebracht, dass mit der Angst vor der Grippe Geschäfte gemacht werden.
In der aktuellen Ausgabe des “Spiegel” bezeichnet Tom Jefferson die momentane Situation als eine in weiten Teilen nicht nachvollziehbare Schweinegrippen-Hysterie. Der Immunologe bearbeitet für die internationale Cochrane Collaboration den Bereich Impfungen und Influenza. Die Cochrane Collaboration ist ein internationales Netzwerk von Ärzten und Wissenschaftlern, die Auswertungen und Übersichten zur Bewertung von Therapien erstellen. Diese Zusammenfassungen werden Ärzten und Patienten zur Verfügung gestellt. Jefferson sieht keinen großen Unterschied zwischen der grassierenden Schweinegrippe und einer “normalen” saisonalen Grippewelle. Er moniert, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Definition einer Pandemie schlichtweg geändert habe, damit die Schweinegrippe überhaupt so eingestuft werden konnte.
Maschinerie ist angelaufen
Zur Klassifizierung gab es normalerweise das Kriterium, dass eine Pandemie eine Krankheit mit einer hohen Sterblichkeitsrate sein muss. Diese Voraussetzung wurde einfach aus der Definition entfernt. Tom Jefferson hat sich schon öfter ausgesprochen kritisch über den Umgang mit derartigen Infektionen geäußert. Er sagt, es sei einfach unglaublich, dass die sogenannten Grippe-Experten in jedem Jahr großes Unheil prophezeien. Bisher sei aber noch keine dieser Schwarzmalereien Realität geworden. Der Wissenschaftler hat seine eigene Sicht der Dinge. Die Gesundheitsbehörden und die WHO, Virologen und nicht zuletzt die Pharmaindustrie hätten im Verlauf der Jahre eine passende Umgebung für die angebliche Bedrohung einer Grippe-Pandemie aufgebaut. “Alles, was es jetzt noch brauchte, um diese Maschinerie in Gang zu bringen, war ein kleines, mutiertes Virus.”
Übertriebene Gefahr
Tom Jefferson hält das Grippe-Virus insgesamt für weit überschätzt. Die bis zu 30.000 Grippeopfer, die es in jedem Jahr zu beklagen gibt, sterben seiner Ansicht nach nicht ausschließlich an der Influenza. Es gebe noch mehr als 200 weitere Erreger, die gleiche oder ähnliche Symptome auslösen könnten. Tatsächlich seien die Grippe-Viren lediglich in sieben Prozent der Fälle Auslöser der Krankheiten. Die anderen Erreger haben ihren hohen Anteil an der Zahl der Grippeopfer. Der Grund für die Tatsache, dass sich alle Beteiligten trotzdem immer nur für das Grippevirus interessieren, liegt darin, dass es nur gegen diese speziellen Keime Medikamente gibt. “Mit den anderen Erregern lässt sich kein großes Geld verdienen.”
Gute Hygiene statt unzureichende Medikamente
Der Immunologe zieht grundsätzlich die Wirksamkeit von Impfstoffen in Zweifel. Ihre Effizienz werde weit übertrieben. Während der Wintermonate ist eben die Sterblichkeit erhöht, und daran könne die Grippeimpfung gar nichts ändern. Er behauptet auch, dass die Wirkung gerade bei Kindern und älteren Menschen sehr vermindert sei. Das sind aber genau die Bevölkerungsgruppen, für die eine Impfung als besonders wichtig dargestellt wird. Tom Jefferson empfiehlt Händewaschen als Vorsorge und Schutzmaßnahme, anstatt sich auf unsichere Medikamente und Impfungen zu verlassen.
Deutschland wird impfen
Doch in Deutschland wird es Impfaktionen geben. Wenn die gesamte Bevölkerung geimpft werden soll, würde das nach den Angaben von Klaus Vater, Sprecher des Gesundheitsministeriums, rund zwei Milliarden Euro kosten. Zunächst aber sollen im Herbst rund 25 Millionen gefährdete Personen ihre Impfdosis erhalten können. Die Ausgaben für die erste Impfwelle werden etliche hundert Millionen betragen, gezahlt von den gesetzlichen Krankenkassen.
Keine regelmäßigen Veröffentlichungen mehr
Die WHO hat inzwischen die Zählungen der Schweinegrippefälle eingestellt. All diese Fälle müssen bestätigt werden, doch die WHO will die Belastungen für die Labore und Institute gering halten. Die freien Kapazitäten werden für die “normale” Grippezeit benötigt, die bald beginnt. Nur in den Ländern, die bisher von dem Virus verschont geblieben sind, verlangt die WHO eine Meldung der ersten Erkrankungen und laufende Aktualisierungen. Es wird keine kontinuierlichen und regelmäßige Berichte geben. Doch die Verläufe sollen weiterhin beobachtet und an die WHO gemeldet werden.